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30.08.2011

„Wir haben jede Menge Talente“

Im Wohnstift Radäcker werden neben Haupt-und Ehrenamtlichen auch die Bewohner selbst aktiv


Gern beim Stammtisch treffen sich (von links) Hermann Warth, Reinhold Notz, Hilde Weiß, Walter Goerger, Helmut Muthwill, Elvira Blumbergs, Hilda Notz und Ilse Balanga

es-sulzgries: „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus ...". routiniert stimmt der Chor des Wohnstifts Radäcker das bekannte Volkslied an. Zur Singstunde haben die Damen gute Laune und ihre ganze Begeisterungsfähigkeit mitgemacht. An der Seite parkt eine Reihe Rollatoren. Als Angehörige einer Generation, in der das Singen buchstäblich zum guten Ton gehörte, gehen den Sängerinnen die Lieder leicht von den Lippen. Locker improvisieren sie eine Oberstimme zur Melodie dazu. . „Ich habe schon als Mädchen im Chor meines Gymnasiums in Stuttgart mitgesungen", erklärt Hilde Weiß ihr lebenslanges Faible für Gesang. Die Chorleiterin ist heute Dorothea Haas, die als Koordinatorin im Wohnstift tätig ist. Sie wird von Adelheid Muthwill am Klavier begleitet. „Ich kann keine Noten lesen", erklärt die ältere Dame, greift mutig in die Tasten und erfindet die Begleitungen zu den bekannten Volksliedern aus dem Stegreif. „Wir haben jede Menge Talente", meint Dorothea Haas. als Chorleiterin wechselt sie sich mit der Bewohnerin Brigitte Büxel ab, die das Ehrenamt von Ruth Ottmar übernommen hat. „Frau Ottmar, die ebenfalls im Wohnstift lebt, hat den Chor seit seinen Anfängen vor 15 Jahren geleitet und ist mit 95 in Pension gegangen", erklärt Haas augenzwinkernd.

Sich treffen und aktiv sein

Lebensfreude ist nicht unbedingt ans Alter gebunden. Auch wenn es für viele Menschen schmerzlich ist, das gewohnte Zuhause aufzugeben, kommt es immer noch darauf an, jeden Tag mit oder ohne Hilfestellung lebenswert zu gestalten. Im Wohnstift Radäcker gibt es, genau wie im Katharinenstift nebenan, ein umfangreiches Freizeitprogramm, bei dem man sich treffen und aktiv werden kann. Manche Angebote haben die hauptamtlichen Mitarbeiter initiiert, andere werden von Ehrenamtlichen gepflegt. Aber auch die Bewohner selbst bringen sich und ihre Fähigkeiten ein. Jeden Nachmittag trifft sich in der Cafeteria im Untergeschoss der Stammtisch. 10 bis 12 ältere Leute verbringen die Kaffeestunde dort regelmäßig gemeinsam.
Bei Gesprächen in vertrauter Runde schmecken der Cappuccino und der frische, leckere Kuchen noch einmal so gut. Wenn die runde größer wird, bauen die Herren kurzerhand einen Tisch an.

. „Wenn wir unseren Kaffeestammtisch nicht hätten, wäre es recht einsam um uns", meint Ilse Balanga. „hier treffen sich Leute, mit denen man sich unterhalten kann." Walter Goerger, mittlerweile 86, bringt der 90-jährigen Dame jeden Tag ein aktuelles Kalenderblatt mit, auf dessen Rückseite auch Witze zu lesen sind, die Ilse Balanga gern vorliest. „Schlankheitspflaster sind natürlich für den Mund", fasst sie eine Pointe zusammen.


Theater und Musik

Hermann Warth, der früher in Untertürkheim gelebt hat, kann noch heute seitenweise Verse vortragen. Egal, ob Klassiker oder schwäbisch knitze Scherzgedichte, er ist immer mit einer passenden Geschichte dabei. Auch das Ehepaar Notz, beide über neunzig, ist fast immer mit von der Partie. „Wir haben uns auf unsere Lage eingestellt und machen das Beste daraus", sagt Reinhold Notz. Trotz Einschränkungen kann man im Stift sein Leben lebenswert gestalten. Die Woche über finden regelmäßige Freizeitangebote statt. Dazu gehören der Spielnachmittag, die Gymnastikstunde und eine Bastelgruppe, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern geleitet werden. „Manche Leute halten auch kostenlos Diavorträge im Stift oder betreuen als ehrenamtliche Mentoren den Bürger-PC", meint Dorothea Haas. Zweimal im Monat bieten die beiden Konfessionen Gottesdienste an. Besonders stolz ist Haas auf die kulturellen Höhepunkte, die immer wieder in das Programm eingestreut werden. „sehr gut kommt die mobile Schauspielgruppe ‚Dein Theater‘ aus Stuttgart an." Aber auch die Konzerte des Vereins „Live Music Now" bieten Unterhaltung auf hohem Niveau. Dieser organisiert mit Studenten der Musikhochschule Stuttgart kostenlose Konzerte auch in Altenheimen.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Esslinger Zeitung.

Text und Bild: Petra Weber-Obrock, Esslinger Zeitung

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