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28.01.2011

Fortbildung auf Augenhöhe

Pflegekräfte schulen Pflegekräfte


„Ein intensives Jahr mit vielen Kursen zur Sturzprophylaxe geht zu Ende", sagt Holger Beidl, Stellvertretender Heim- und Pflegedienstleiter im Karolinenstift Tübingen. „Es war anstrengend und hat Spaß gemacht", ergänzt Bärbel Henke, Pflegefachkraft im Henriettenstift Kirchheim ihren Workshop-Partner. Zehn Fortbildungen zur Sturzprophylaxe haben Bärbel Henke und Holger Beidl im Jahr 2010 zusammen durchgeführt. Auf diese Weise haben sie 132 Pflegekräfte aus 14 der insgesamt 20 Seniorenzentren der Zieglerschen geschult. Für 2011 stehen die verbleibenden sieben Einrichtungen auf dem Programm.

Pflege nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen

In den Fortbildungen wurde der Nationale Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege" behandelt. Dieser besteht aus vier Schritten. Die ersten drei Schritte sind vorbeugende Schritte: Die Einschätzung des individuellen Sturzrisikos des Bewohners, die Besprechung seiner Krankenvorgeschichte und die Dokumentation der Einzelmaßnahmen, die zur Vorbeugung von Stürzen vereinbart werden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um die Teilnahme am Kraft- und Balancetraining oder die Notwendigkeit, die Medikation überprüfen zu lassen. Gemeinsam wird geklärt, ob der Einsatz von Hilfsmitteln wie Gehilfen oder Hüftprotektoren sinnvoll ist. Ob Hörgeräte richtig funktionieren und Brillen sauber sind und getragen werden. „Auf jeden Fall spielt bei der Sturzprävention immer eure Berufserfahrung, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit im Alltag eine herausragende Rolle."

Der vierte Schritt des Nationalen Expertenstandards folgt erst, wenn es doch zu einem Sturz kommt. Er besteht aus der Dokumentation und Analyse der Gesamtsituation. Die Einrichtung informiert die Angehörigen und den Hausarzt. Die Pflegekräfte analysieren die Folgen des Sturzes und ergreifen weitere vorbeugende Maßnahmen. Nach einer gewissen Zeitspanne erfolgt eine erneute Überprüfung. „Von großer Bedeutung ist dabei die Besprechung im Team."

Kollegiale Schulungen sind ermutigend

Neben den fachlichen Informationen bringen Bärbel Henke und Holger Beidl auch ermutigende Botschaften für den Alltag der Pflegekräfte mit. „Die Dokumentation rund um die Sturzprophylaxe wird einfacher", erklärt Bärbel Henke. Ein Qualitäts-Zirkel unter der Leitung der Beauftragten für Qualitätsmanagement der Altenhilfe der Zieglerschen hat die Dokumentationsbögen überarbeitet und praktikabler gemacht. „Ab morgen gelten diese neuen Bögen", fährt Henke fort. „Wer Probleme damit hat, kann jederzeit auf mich zukommen. Ich komme dann mal früher zur Nachtschicht und helfe euch, das Assessment und den Bogen für die Sturzrisikofaktoren auszufüllen", bietet sie ihren Kollegen im Henriettenstift an.

Sorgfalt ist das A und O

Wie wichtig eine gute Dokumentation ist, machen die Referenten ihren Zuhörern auch klar. „Nur so seid ihr auf der sicheren Seite, wenn die Krankenkasse versucht, Schadensersatzansprüche geltend zu machen", erklärt Holger Beidl. Selbstverständlich müssen die Pflegekräfte vieles beachten. Sie sind dazu verpflichtet, Bewohner vor körperlichem Schaden zu schützen und geeignete Pflegemaßnahmen durchzuführen. Und sie müssen immer dafür sorgen, dass abgestellte Hilfsmittel nicht im Weg stehen und dass bei allen rollenden Geräten die Bremsen angezogen sind. „Aber trotz aller Sorgfalt, nicht jeder Sturz kann vermieden werden", fasst Beidl zusammen. „Ihr dürft euch nicht schuldig fühlen, wenn ihr gerade einen Bewohner beim Aufstehen unterstützt und darum nicht verhindern könnt, dass ein anderer am anderen Ende des Flures stürzt."

Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe

Dass die meisten Pflegekräfte sich aber doch jedes Mal selbst Vorwürfe machen, wurde in der anschließenden Diskussion sehr deutlich. Eine Frage, die alle bewegte war, wie man mit den Schuldzuweisungen der Angehörigen am besten umgehen kann. Dazu fand ein reger Austausch zwischen den Teilnehmern und den Referenten statt. Anhand der vielen Beispiele und Erfahrungsberichte der Referenten aus dem Pflegealltag zeigte sich, dass eine Schulung auf Augenhöhe viele Vorteile bringt.


Nicola Philipp

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