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27.02.2012

Das Fachwissen der Pflegefachkräfte ist gefragt

Bei der Vermeidung von Druckgeschwüren (Dekubitus) steht die Einschätzungskompetenz der Pflegefachkraft an erster Stelle


Von links nach rechts: Judith Klett-Schmidt, Christine Wagels, Gerhard Schröder, Dagmar Hennings, Bianca Berger

Am Donnerstag, 16. Februar 2012, trafen sich 120 Fachkräfte aus der stationären und ambulanten Pflege zu einem Fachtag unter dem Titel „Expertenstandard Dekubitusprophylaxe - To Do`s - nach der Aktualisierung." Thema des Tages war die Auseinandersetzung mit den neuen Erkenntnissen aus dem vor kurzem überarbeiteten Nationalen Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Der Fachtag war eine Kooperationsveranstaltung zwischen dem Diakonischen Werk Württemberg und der Altenhilfe der Zieglerschen. Er stieß auf reges Interesse, 170 Anmeldungen waren eingegangen. „Aus Platzgründen mussten wir 50 Personen leider absagen. Aber natürlich haben wir uns riesig über das große Interesse gefreut und hätten damit nicht gerechnet", berichtet Bianca Berger vom Diakonischen Werk Württemberg, Mitorganisatorin der Veranstaltung. Die Dekubitusprophylaxe ist ein sehr bekanntes Thema in der Pflege und Bestandteil des ersten Nationalen Expertenstandards des Deutschen Netzwerks aus dem Jahr 2000.

 

Bianca Berger eröffnete zusammen mit Eva-Maria Armbruster, Fachliche Geschäftsführerin der Altenhilfe der Zieglerschen, den Tag. Eva-Maria Armbruster begrüßte die Teilnehmenden und unterstrich die Bedeutung der Expertenstandards für die Pflege. Nicht zuletzt durch die gesetzliche Verankerung habe die Umsetzung der Expertenstandards einen neuen Schub erhalten.

Der große Zuspruch der Veranstaltung lag sicherlich auch an den Experten, die den Tag gestalteten. Das Organisationskomitee bestehend aus Bianca Berger und Judith Klett-Schmitt aus dem Diakonischen Werk sowie Dagmar Hennings und Christine Wagels aus der Zieglerschen Altenhilfe waren hocherfreut, dass sie Gerhard Schröder, einen ausgewiesenen Experten zum Thema Dekubitusprophylaxe gewinnen konnten. Schröder ist Mitglied der Expertenarbeitsgruppe beim DNQP, Chef einer Beratungsgesellschaft und seit 30 Jahren in der Pflege tätig. Während dieser Zeit hat er das Thema intensiv beforscht. Er hielt einen interessanten, praxisnahen und ansprechenden Vortrag. „Doch wieder was neues", kommentierte eine Pflegefachkraft in der Pause erfreut. Dass ein Dekubitus nicht, wie lange Zeit gedacht, an der Oberfläche der Haut, sondern in den tiefen Hautschichten entsteht, war für die erfahrene Pflegefachkraft neu. Leider gäbe es noch immer keine validen, das heißt wissenschaftlich getesteten Einschätzungschecklisten, mit denen man ein Risiko erkennen kann. Eine nicht wegdrückbare Rötung, der sogenannte Fingertest, sei daher intensiv in der Praxis anzuwenden, so Schröder. Bewegungsförderung sei das Mittel der Wahl, denn der Druck im Sitzen sei sieben Mal höher als im Liegen. Doch Mobilisation, ein Transfer eines Bewohners in den Rollstuhl, sei nicht gleichzusetzen mit Bewegungsförderung. Bewegung in einen Transfer einzubauen, das sei die große Kunst. Eindrücklich schilderte Schröder den Versuch, mit seiner 87 jährigen Mutter drei kleine Schritte zum Grab des Vaters zu gehen. Diese habe der Nachbarin dann ganz stolz erzählt, sie sei zum Grab ihres Mannes spaziert.

In der anschließenden offenen Runde, die von Judith Klett-Schmidt geleitet wurde, diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer angeregt, warum es in der Praxis so schwer fällt, ein Dekubitus-Risiko ohne Checkliste zu dokumentieren. „Bedeutet dies nun, dass die bisher genutzten und auch „propagierten" Skalen ganz obsolet sind?" fragte Klett-Schmidt den Experten. „Wir müssen wieder lernen, fachlich fundiert zu argumentieren", antwortete Schröder und „das Fachwissen und die Einschätzungskompetenz der Pflegekräfte sind wieder verstärkt gefragt." Dagmar Hennings ergänzte: „Auf jeder Ebene muss argumentiert werden. Auch der Träger ist gefragt, den Leitungen vor Ort Unterstützung anzubieten zum Beispiel durch interne Stellungnahmen für die Argumentation gegenüber externen Kontrollen." Die Altenhilfe der Zieglerschen versuche dies umzusetzen. Berger wies in diesem Zusammenhang auch auf die Stellungnahme des Diakonischen Werk Württembergs zum Thema Ernährung im Alter hin, an der die Zieglersche Altenhilfe mitgearbeitet hatte. „Auch auf Verbandsebene gilt es zu unterstützen", so Berger.

Dagmar Hennings, Regionalleiterin der Zieglerschen Altenhilfe und Christine Wagels, Hausleiterin im Gemeindepflegehaus Härten in Kusterdingen schilderten am Nachmittag praxisnah die Umsetzung des überarbeiteten Expertenstandards in der Altenhilfe der Zieglerschen. „Wir haben uns auf den Weg gemacht und sammeln derzeit unsere Erfahrungen", schilderte Hennings in ihrer Einleitung. Wagels, die die einrichtungsübergreifende Arbeitsgruppe geleitet hatte, berichtete von den Erfahrungen und Ergebnissen, aber auch von Stolpersteinen und Schwierigkeiten der Umsetzung. Die Arbeitsgruppe hat sich gegen den Einsatz der bisherigen Braden-Skala entschieden und mit Unterstützung Schröders ein eigenes Einschätzungsinstrument entwickelt. „Toll, dass die Ergebnisse unserer Arbeitsgruppe heute bestätigt wurden", freute sich Wagels.

Intensive Diskussionen wurden in den anschließenden drei Foren geführt. Wagels und Hennings befassten sich in ihrer Gruppe mit dem Bewegungsplan. Eva Steinmetz, Mitglied der Expertenarbeitsgruppe beim DNQP und Hausleiterin in der Königsberger Diakonie in Wetzlar referierte zur Risikoeinschätzung. Annette Ege-Schwellinger, Pflegedienstleiterin der Diakonie-Sozialstation Biberach, und Cornelia Schmidt, Pflegedienstleiterin der Diakonie-Sozialstation Mössingen, tauschten sich mit Kolleginnen überwiegend aus dem ambulanten Bereich, über das Thema Beratung und Information aus.

Dem abschließenden Vortrag Schröders lauschten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer interessiert und unbeeindruckt von der vorgerückten Stunde. Der Experte nahm dazu Stellung, welche Konsequenzen sich aus den zukünftigen Anforderungen an die Qualifizierung der Pflegenden ergeben.

„Es war rund um eine gelungene Veranstaltung", sagte Cornelia Schmidt am Ende des Tages, „ich habe nichts vermisst." Das Organisationsteam wird prüfen, ob und wann der Fachtag wiederholt werden kann.

Dagmar Hennings und Nicola Philipp

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