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27.06.2011

Überzeugter Altenpfleger und begeisterter Motocross Fahrer

Der 27-jährige Tobias Nething über seinen Beruf als Pflegefachkraft


Tobias Nething überprüft und aktualisiert die Pflegedokumentation

Bunte Farben leuchten von den Wänden. Leuchtendes gelb in der einen Ecke, intensives pink im Treppenhaus. Die Flure sind großzügig geschnitten. Im Wohnbereich im Erdgeschoss sitzen einige Senioren um einen Tisch, eine Seniorin hat Besuch, die andere lauscht der Unterhaltung. Eine Mitarbeiterin richtet in der Küchenzeile den Nachmittags-Kaffee. Der 27-jährige Altenpfleger Tobias Nething kommt aus dem Dienstzimmer. „Bitte nehmen Sie Ihren Rollator mit, wenn sie spazieren gehen", sagt er zu einer Bewohnerin, die gerade vorbeiläuft. Die Seniorin schaut auf, winkt ab und geht weiter. Dann überlegt sie es sich doch anders und geht die paar Schritte zu ihrem Rollator zurück. „Wir müssen sie ungefähr 500 mal am Tag daran erinnern, ihren Rollator zu benutzen", erklärt Tobias Nething. Ohne Rollator ist die Bewohnerin stark sturzgefährdet, darum trägt sie auch einen speziellen Kopfschutz. Ein dickes Band aus weichem Material führt einmal um den Kopf herum und ist wie ein Helm unter dem Kinn befestigt, damit alles an seinem Platz bleibt. „Den Kopfschutz lässt sie zum Glück auf", sagt Tobias Nething. Bevor sie den Kopfschutz trug, hatte sie sich bei einem Sturz blaue Flecken im Gesicht zugezogen. „Da habe ich mich mit ihr vor den Spiegel gestellt, ihr die blauen Flecken in ihrem Gesicht gezeigt und erklärt, dass ihr das mit Rollator nicht mehr so schnell passiert."


Überzeugen und Erklären

Überzeugungsarbeit ist ein wichtiger Teil seiner Arbeit. Bereits morgens, wenn drei Bewohner gleichzeitig beim Aufstehen seine Hilfe wollen, muss er um Geduld bitten und erklären, dass er nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. „Wir versuchen, alle so individuell wie möglich zu betreuen." Darum gibt es keine feste Reihenfolge. „Wenn jemand tief und fest schläft, gehe ich zum nächsten." Ein gewisser Rhythmus spiele sich natürlich ein. Der hält aber nur so lange es keine Veränderungen in der Bewohnerschaft gibt.

Absprechen und Dokumentieren

Neben dem direkten Kontakt mit den Bewohnern gehören auch das Medikamentenmanagement und die regelmäßigen Treffen und Absprachen mit Hausarzt Dr. Vetter zu Nethings Aufgaben. Wunden von Bewohnern sehen Arzt und Pflegekraft gemeinsam an, um dann weitere Pflegemaßnahmen zusammen festzulegen. „Mit Dr. Vetter klappt die Zusammenarbeit super", erzählt Nething. Ein sogenanntes Kommunikationsblatt erleichtert dabei die Arbeit. Darauf werden zum Beispiel Änderungen in der Medikation dokumentiert und vom Arzt abgezeichnet. „Wenn die Ärzte es nicht vergessen", sagt Nething schmunzelnd. „Wir müssen aufpassen, dass sie es tun, denn wenn der MDK kommt, ist es schlecht für uns, wenn die Unterschrift fehlt", ergänzt er.

Zuschauen und Prüfen

MDK steht für Medizinischer Dienst der Krankenversicherungen, der unangemeldet mit zwei bis drei Personen ins Haus kommt und die Pflege genau unter die Lupe nimmt. „Das ist wie ne Ex in der Schule. Die schauen beim Waschen zu, wie die Medis gelagert sind", Nething redet nicht weiter, aber seine rotierende Handbewegung spricht Bände. Beim letzten Mal waren gleich vier Kolleginnen da, die ihm seine laufenden Aufgaben abnahmen, damit er sich ganz auf den MDK konzentrieren konnte. „Die Standards, mit denen das Haus operiert sind so hoch", da brauche man sich vor den Prüfungen von außen nicht zu fürchten. „Von der Heimaufsicht haben wir ein dickes Lob für unser Schmerzmanagement bekommen", erzählt er stolz. Und auch die Pflegedokumentation und das Ernährungsmanagement sind super. Das hat die vor kurzem durchgeführte Transparenzprüfung bestätigt.

Überarbeiten und Optimieren

Das Ernährungsmanagement wurde vom Träger, der Zieglerschen Altenhilfe, zusammen mit Pflegekräften inhaltlich überarbeitet und den neuen fachlichen Standards angepasst. Nething hatte zusammen mit Hauswirtschaftsleiterin Anja Silberhorn an der einrichtungsübergreifenden Arbeitsgruppe teilgenommen. Dabei stand das Wohl der Bewohner im Vordergrund, aber die Teilnehmer der Arbeitsgruppe überarbeiteten und optimierten auch die Dokumentationsformulare, so dass sie viel einfacher auszufüllen sind. Überhaupt: „Die internen Fortbildungen sind ziemlich krass, echt super, was da bei den Zieglerschen alles gemacht wird."

Ausbilden und Weiterbilden

Für sich selbst denkt Nething über eine Weiterbildung zum Wohnbereichsleiter nach. Die Voraussetzung von zwei Jahren Arbeitserfahrung bringt er mit. Seit 2008 arbeitet der 27-jährige im Seniorenzentrum „Im Dorf" Bempflingen, das erst im Jahr 2007 eröffnet wurde. Nach seinem Hauptschulabschluss war der gebürtige Reutlinger zunächst auf der elektronischen Berufsfachschule gewesen. Dann leistete er seinen Zivildienst bei einer sozialen Einrichtung in Urbach. Und verlängerte seinen Dienst dort von 9 auf 16 Monate. „Das war mords die Gaudi", erinnert er sich. Seine damalige Chefin motivierte ihn dazu, die Ausbildung zum Altenpfleger zu machen. Er schrieb sich beim Diakonischen Institut in Reutlingen ein und absolvierte den praktischen Teil in einem kleinen Haus mit fünfzehn Bewohnern in Rangendingen. Am Ende der Ausbildung wechselte er in ein großes Pflegeheim in Metzingen mit über 70 Bewohnern. Zwei Monate vor Ende der Ausbildung bewarb er sich im Seniorenzentrum Bempflingen und wurde gleich eingestellt.

Arbeiten und Moto-Cross-Fahren

Er arbeitet dort zu neunzig Prozent. Das findet er super, denn er liebt seine Freizeit und sein Hobby, Motocross fahren „mit dem Quad, diesem vierrädigem Teil." Über das nächste lange Wochenende will er zum „Crossen" nach Frankreich. Dazu sei ein Job in der Altenpflege perfekt: am Donnerstag die Frühschicht machen und erst am Montag wieder zur Spätschicht da sein müssen. Ohne Urlaub zu nehmen. „Ich arbeite schließlich, um zu leben und leb nicht, um zu arbeiten", sagt er selbstbewusst. Und da fühlt er sich im Seniorenzentrum Bempflingen, auch unter der neuen Hausleiterin Ulrike Wolf gut aufgehoben. „Das Arbeiten hier ist viel menschlicher." In dem Pflegeheim, in dem er davor war, musste alles viel schneller gehen und dadurch konnte er weniger individuell pflegen. „Ich möchte die Leute so behandeln, wie ich auch behandelt werden will." Das ist ihm wichtig.

Leben und Wohnen

Er betritt ein Bewohnerzimmer. Die Seniorin ist in Pflegestufe 3 eingestuft, sie hat die Augen offen, reagiert aber nicht auf ihn. Er rückt kurz die Decke zurecht und wechselt die CD in der Musikanlage. „Sie liebt Klassische Musik, darum legen wir ihr immer Mozart und Bach auf und hoffen, es gefällt ihr." Ihre Tochter kommt regelmäßig zu Besuch und in die Andachten im Haus wird die Bewohnerin auch integriert. Im Seniorenzentrum „Im Dorf" Bempflingen leben insgesamt 47 Personen, sie sind 70 Jahre alt oder älter. „Frau Haug hat erst kürzlich ihren 100. Geburtstag gefeiert und sie ist geistig topfit." Dann ist der Arbeitstag von Nething zu Ende, er füllt noch ein paar Bögen der Pflegedokumentation aus und geht nach Hause in das nahe gelegene Grafenberg.

 

Nicola Philipp

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