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28.02.2011

Stottern frisst Seele auf

„The King´s Speech“ läuft in den Kinos an. Ein Gespräch mit dem Stotter-Therapeuten Frank Herziger


Stottertherapie im Sprachheilzentrum
Foto: Rainer Kössl

Stottern ist keine Bagatelle. Stottern ist eine zutiefst die Persönlichkeit nicht nur störende sondern zerstörende Behinderung. In den deutschen Kinos läuft am 17. Februar „The King´s Speech" an, die einfühlsam und sehr unkonventionell erzählte Geschichte eines Stotterers. Eines Stotterers, der König war. Und dem geholfen werden konnte.
Unser Mitarbeiter Rainer Kössl sprach in diesem Zusammenhang mit Frank Herziger, der am Sprachheilzentrum in Ravensburg eine Deutschland weit bekannte und anerkannte Stottertherapie entwickelt hat.


Rainer Kössl: Herr Herziger, lassen Sie uns einen Blick in das Herz eines Stotterers werfen.

Frank Herziger: Ein wesentliches Merkmal von Stottern ist die Angst vor dem Stottern. Die Angst, wieder zu versagen, im Wort stecken zu bleiben oder ganz was anderes zu sagen, als er eigentlich sagen wollte. Wieder den mitleidigen oder abschätzigen Blicken seiner Umwelt ausgeliefert zu sein. Am liebsten vor Scham in den Boden zu versinken. Er wird also statt machen „tun" sagen und statt Ravensburg „unsere Stadt". Aber die Angst vor dem nächsten Versagen bleibt. Stottern frisst Seele auf.

Rainer Kössl: Lionel Logue, der in „The King´s Speech" den englischen König Georg VI, genannt Bertie, vom Stottern erlöst hat, war ein irrer Typ. Was gefällt dem Therapeuten Herziger so an ihm?

Frank Herziger: Ja, die Rolle dieses Therapeuten entspricht sehr meinen Vorstellungen. Er zeigt Verständnis für die Nöte seiner Patienten, macht aber klar, dass er es ist, der die Regeln für eine erfolgreiche Therapie vorgibt und selbst ein König sich daran zu halten hat, wenn er Hilfe erwartet. Durch sein selbstsicheres Auftreten, seine klare Linie und sein konsequentes Handeln kann Lionel schließlich den König überzeugen - und der Erfolg gibt ihm recht.
Ich schätze und respektiere meine Kinder und Jugendlichen, natürlich, selbstverständlich. Ich erwarte aber auch von ihnen sehr viel. Dadurch erleben sie, dass sie zu weit mehr in der Lage sind, als sie sich bisher je zugetraut haben, um schließlich auch ihr Stottern in den Griff bekommen zu können.

Rainer Kössl: Die Provokation spielt eine große Rolle in Ihrer Therapie.

Frank Herziger: Ja. Lionel Logue beansprucht im Film die Führungsrolle gegenüber dem König, spricht ihn respektlos mit dessen Spitznamen an und provoziert ihn ganz unköniglich zum Fluchen. Dies hat eine befreiende Wirkung, die sich unmittelbar positiv auf die Sprechflüssigkeit auswirkt. Solche Erfahrungen mache ich auch in meiner Therapie.

Rainer Kössl: Stottern ist die Folge der Angst vor dem Stottern. Wie sieht die von Ihnen entwickelte Therapie aus ?

Frank Herziger: Primär geht es um Persönlichkeitsentwicklung, vor allem um Selbstsicherheit und Selbstvertrauen. In täglich mehrmaligen Stimm-und Sprechübungen und anhand von Basistexten wird ein flüssiges und damit angstfreies Sprechen eingeübt.

Der erste Basistext beginnt mit den Worten: „Wenn ich anfange/ mit Sprechen/ achte ich/ auf eine weiche/ klangvolle Stimme". Er endet mit der Feststellung: „Meine Stimme/ das bin ich."


Es ist meine Erfahrung aus fast 30 Jahren Stottertherapie: die großen, unüberwindlich scheinenden Berge aus Buchstaben und Wörtern, die sich scheinbar vor dem Stotterer auftürmen, lassen sich überwinden, wenn wir sie leicht und lustvoll zum Klingen bringen. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, der nur über mehrjährige Arbeit an sich selbst zu dauerhaftem Erfolg führt.


Frank Herziger

Sein Schwiegervater ist schuld daran, dass Frank Herziger sich der Sprachheilpädagogik, später dann speziell dem Stottern zugewandt hat. Besagter war nämlich Lehrer an der Gehörlosenschule in Heilbronn und hat das sowieso schon vorhandene pädagogische Interesse seines Schwiegersohnes zur Sprachheillehre hin gelenkt. Nach der Ausbildung in Heidelberg kam der 1949 in Celle geborene Herziger im Jahr 1976 an das Sprachheilzentrum in Ravensburg. Unter dem Kürzel H-I-S-T schuf er dort ein Markenzeichen dieser Schule: die Herziger - Intensiv - Stotterer - Therapie.
Ein halbes Jahr lang dauert ein Intensivkurs, in dem die Kinder lernen, ihr Stottern in den Griff zu bekommen. Etwa 12 Stotterer aus ganz Deutschland leben dazu die ganze Woche im Internat in der Weststadt zusammen. Der erste Kurs fand 1982 statt, derzeit läuft der 57. Kurs.

 

Der Film - The King´s Speech

Ihre königliche Hoheit Queen Elizabeth II von England war „very amused" über einen Film, der ihre königliche Familie nicht in Pracht und Herrlichkeit sondern eher von ihrer menschlich-allzumenschlichen Seite her zeigt. Unter ihres Vaters Georg VI Regentschaft wurde das britische Empire zu Grabe getragen. Seine persönliche Schlacht aber schlug der Monarch wider Willen in seinem Inneren: Georg VI war seit Kindheit Stotterer und das zu einer Zeit, in der das Radio der öffentlichen Rede eine immer größere Bedeutung beimaß. Allein aber wurde er seines holpernden Sprachflusses nicht Herr. Seine Frau Elizabeth, heute weithin noch bekannt als Queen Mum verschaffte ihm einen Sprachtherapeuten, der in seinem Wesen gegensätzlicher zu seinem Klienten nicht hätte sein können. Lionel Logue, so der Name des extrovertierten Sprachtrainers, merkt, dass der König dann normal redet, wenn er sein Königsein vergisst und ganz einfach Mensch ist. Logue vergisst demgemäß, wer sein Gegenüber ist, nennt ihn respektlos bei seinem Spitznamen Bertie, treibt mit ihm auf dem Boden um und lässt ihn aus vollem Herzen fluchen. Der König rast zuerst vor Wut über diese respektlose Behandlung, merkt aber mit der Zeit, dass ihm die Normalität und die Begegnung auf Augenhöhe hilft. Bis er dann in die Lage versetzt wird in einer großen Rede sein Volk gegen Hitler-Deutschland zu mobilisieren.


The Kings´s Speech in der Regie von Tom Hooper ist mit vier Oscars ausgezeichnet worden. Der Film läuft ab dem 17. Februar in den deutschen Kinos.

Rainer Kössl

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