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01.12.2011

Studienfahrt zur Gedenkstätte Grafeneck


Die Gedenkstätte Grafeneck - Foto: Wilfried Arnold

Die Gedenkstätte Grafeneck bei Münsingen und das Psychiatrie-Museum in Zwiefalten: das waren die beiden Stationen, die eine Gruppe von Mitarbeitern und Rentnern der Zieglerschen am Buß- und Bettag zum Abschluss des Gedenkjahrs anlässlich der Ermordung von Menschen mit geistiger Behinderung durch die Nazis vor 70 Jahren besuchte. Eingeladen zu dieser Erinnerungsfahrt hatten Pfarrer Heiko Bräuning und Ludger Baum, Fachdienstleiter in der Behindertenhilfe. Nachdem sich viele Menschen in den Zieglerschen und in Wilhelmsdorf in verschiedenen Veranstaltungen ein ganzes Jahr lang mit dem Thema „Euthanasie" auseinandergesetzt hatten, wollte nun eine Gruppe die nahen Erinnerungsorte auch konkret aufsuchen. „Vor Gott ist nicht einer vergessen", unter dieses Motto hatten schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Verantwortlichen ihre ersten Recherchen nach den Nazi-Opfern gestellt. Dass auch viele Menschen außerhalb von Wilhelmsdorf die Erinnerung wach halten, das konnten die Wilhelmsdorfer mit eigenen Augen sehen.

Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, nahm sich für die Wilhelmsdorfer persönlich die Zeit, um sie über die Besonderheiten dieses Erinnerungsortes aufzuklären. Er erinnerte nochmals daran, dass die Menschen mit Behinderung aus Wilhelmsdorf nicht in Grafeneck selbst, sondern im hessischen Hadamar umgebracht wurden, dass aber in Grafeneck ihrer genau so gedacht wird wie den vielen anderen Menschen aus Psychiatrien und Behinderteneinrichtungen in Südwürttemberg.

Stöckle war es, der den Reigen der Erinnerungsveranstaltungen am Totensonntag 2010 mit einem bewegenden Vortrag im Wilhelmsdorfer Bürgersaal eröffnet hatte. Schon damals war auffällig, wie groß das Interesse der Wilhelmsdorfer war, endlich die volle Klarheit über das dunkelste Kapitel ihrer noch jungen Ortsgeschichte zu bekommen. Schon damals hatte Stöckle darauf hingewiesen, dass nicht wenige Menschen mit Behinderung auch der sogenannten „wilden Euthanasie" zum Opfer gefallen waren, unter anderem in der Psychiatrie in Zwiefalten. Nachdem die Nazis aufgrund des wachsenden Widerstands in der Bevölkerung ihre systematisch geplanten Massenmorde an Menschen mit Behinderung und psychischen Krankheiten aufgegeben hatten, ging das Morden dennoch weiter - durch gezielte Unterernährung, durch katastrophale hygienische Verhältnisse in überfüllten Psychiatrien, durch Todesspritzen...

Inga Bing-von Häfen war es, die am Jahrestag der Deportation der 19 Wilhelmsdorfer, am 24. März, wiederum im Bürgersaal von Wilhelmsdorf ihr Buch vorstellte „Die Verantwortung ist schwer". Die Historikerin und Kennerin der württembergischen Diakonie-Geschichte hatte erstmals wissenschaftlich gründlich die Euthanasie-Morde an „Pfleglingen der Wilhelmsdorfer Anstalten aufgearbeitet. Evangelische Brüdergemeinde, politische Gemeinde und die diakonischen Einrichtungen am Ort stellten sich an diesem Tag gemeinsam der Ortsgeschichte.

Die Informationsfahrt nun nach Grafeneck und Zwiefalten setzte einen Schlusspunkt unter das Erinnerungsjahr. Auch in Zwiefalten, im dortigen Psychiatriemuseum, erfuhren die Wilhelmsdorfer von einer kundigen Führerin viele Details über die Euthanasie, aber auch über die Geschichte der Psychiatrie insgesamt.

Text: Christof Schrade - Fotos: Wilfried Arnold

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Bilderstrecke: Die Studienfahrt zur Gedenkstätte Grafeneck bei Münsingen und zum Psychiatrie-Museum Zwiefalten (14 Bilder).