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Du bist und bleibst im Regen

Heimerziehung in der Diakonie in den 50er bis 70er Jahren in Oberschwaben

Am Anfang waren die Gespräche. Immer mehr ehemalige Heimkinder meldeten sich bei den Zieglerschen. Wollten Akteneinsicht, wollten reden, den Ort noch einmal sehen, der sie so geprägt hatte. Manche wollten mit ihrer Akte allein sein, andere baten: »Bitte bleiben Sie da. Ich habe Angst, dass mich die Vergangenheit überwältigt.« Viele der Gespräche waren lang und intensiv. So entstand allmählich Vertrauen.

Lange schon gab es in den Zieglerschen den Plan, ein »Heimkinderbuch « herauszubringen und diese Epoche der eigenen Geschichte ausführlich zu beleuchten. Vor gut vier Jahren, im Sommer 2010, begannen die Arbeiten an diesem Buch. Insgesamt vier Häuser haben wir in der Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Beginn der 1970er Jahre ausführlich beleuchtet: das Heilerziehungsheim in Wilhelmsdorf, das Martinshaus in Altshausen, das Martinshaus Kleintobel und das Waisenhaus und spätere Ev. Kinder- und Jugenddorf Siloah. Nur das Wilhelmsdorfer Heim war damals wirklich in Trägerschaft der Zieglerschen. Doch als heute Verantwortliche sahen wir es als unsere Pflicht, auch die anderen Einrichtungen zu beleuchten. Wer, wenn nicht wir, sollte sich dieser Verantwortung stellen?

Es war ein Wagnis, die Archive aus den 1950er, 60er und 70er Jahren zu öffnen. Nun haben die beiden Autorinnen Inga Bing-von Häfen und Nadja Klinger - die eine Historikerin, die andere Publizistin - ihre Arbeit beendet. Nun kennen wir, zumindest in Teilen, die Geschichten jener, die diese Jahre in »unseren« Heimen verbracht haben. Es sind keine schönen Geschichten. Es sind Schicksale, die betroffen und traurig machen. Es sind Berichte, die uns zeigen, dass ein ganzes System schuldig geworden war. Ein System, das geprägt war durch das Verlangen nach bedingungsloser Unterordnung, durch beinahe unbeschränkte Machtausübung; ein System, das in einer Weise gewaltbereit, autoritär und patriarchalisch war, die uns erschütterte. Auch wir in den Zieglerschen waren Teil dieses Systems. Auch bei uns ist Unrecht geschehen! Und doch können wir sagen, das Wagnis dieser Publikation hat sich gelohnt. Mehr noch: Es war unsere Pflicht, sie zu ermöglichen. Wir sind den Autorinnen zu großem Dank für ihre einfühlsame und gründliche Arbeit verpflichtet. Unser Dank gilt auch dem Wichern-Verlag, der die Entstehung des Manuskripts mit großem Engagement begleitet hat. Und wir danken vor allem jenen, die sich für diese Publikation nochmals ihrer Geschichte gestellt und sie uns erzählt haben. Wir freuen uns auf zahlreiche Reaktionen.

 

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